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Das Wandern ist unbestritten wieder „in“, gewandelt hat sich gegenüber früheren Tagen allerdings der Qualitätsanspruch. So soll der Wanderweg nicht mehr nur durch eine schöne Landschaft führen, sondern möglichst auf schmalen, aber gut begehbaren Pfaden verlaufen, perfekt markiert sein, häufig Abwechslung fürs Auge bieten und natürlich auch Einkehrmöglichkeiten beinhalten. Vom Deutschen Wanderinstitut zertifizierte Premiumwanderwege sollen besonders viele von diesen Kriterien erfüllen und dem Naturfreund somit quasi eine Garantie für ein tolles Wandererlebnis geben – vorausgesetzt, das Wetter spielt einigermaßen mit. Soweit der Plan.

Blick vom Rutschenfelsen am Bad Uracher Wasserfallsteig Richtung Burg Hohenneuffen

Blick vom Rutschenfelsen am Uracher Wasserfallsteig Richtung Burg Hohenneuffen

Ich selbst hatte kurz nach Ostern die Gelegenheit, einige Premiumwanderwege im Bereich der Schwäbischen Alb zu testen. Entschieden habe ich mich für drei Tageswanderungen und Rundtouren, die überwiegend am Albtrauf verlaufen. Dies ist mit Sicherheit der spannendsten Abschnitt dieses südwestdeutschen Mittelgebirges, da es sich um einen sehr markanten, in mehreren Schichtstufen untergliederten Steilabfall handelt, der vor geologischen und biologischen Besonderheiten nur so strotzt. Genaue Wegbeschreibungen und sogar Wanderkarten zum Download gibt es übrigens auf den Onlineseiten der jeweiligen Wegbetreiber, zu denen die folgenden, farblich markierten Links weiterleiten.

Uracher Wasserfall am Premiumwanderweg Uracher Wasserfallsteig

Schon nach wenigen huntert Metern auf dem Wasserfallsteig: Der Uracher Wasserfall

Den Anfang machte der „Wasserfallsteig“ bei Bad Urach. Das Deutsche Wandermagazin hat ihn für die Wahl zu „Deutschlands schönstem Wanderweg 2016“ nominiert und entsprechend groß war meine Erwartungshaltung. Eines vorab: Sie wurde keineswegs enttäuscht! Die Wanderung startet im beschaulichen Maisental, zunächst noch auf einem breiten Weg entlang eines sanft gluckernden Wiesenbachs. Dann fällt einem aber schon bald aus der Ferne der imposante Uracher Wasserfall ins Auge, der in einem schmalen Strahl über eine mächtige Felskante schießt und sich 37 Meter weiter unten in unzähligen Rinnsalen über stark mit Moosen und Farnen bewachsene Felsen ergießt. In steilen Zickzack-Kehren geht es hoch zum Ausgangspunkt des Wasserfalls und auch von hier oben bietet sich ein herrlicher Blick auf das Naturspektakel. Apropos Natur: Im Mittelalter wurde an diesem Steilhang Kalktuff gewonnen, beispielsweise für den Bau der spätgotischen Stiftskirche in Bad Urach. Vor der Nutzung als Steinbruch floss das Wasser des Brühlbachs wohl weniger spektakulär in mehreren Kaskaden zu Tal. Das heutige Erscheinungsbild ist also durchaus von Menschenhand beeinflusst, die Natur hat das Gelände aber auf eindrucksvolle Weise zurückerobert.
Nach einem weiteren Aufstieg geht es noch eine ganze Weile bis zum aussichtsreichen Rutschenfelsen an der zerfurchten Hangkante entlang. Buchen, Eichen und Kiefern krallen sich hier mit ihren Wurzeln bis zum letzten Zentimeter vor dem Steilabfall in den kalkigen Untergrund, etliche von ihnen scheinen akut vom Absturz bedroht. Dass in diesem Abschnitt nirgendwo ein Geländer angebracht ist, empfinde ich persönlich als wohltuend – es handelt sich eben um wilde Natur, ungebändigt, nicht eingezäunt und wunderschön. Das Wandern geschieht ohnehin auf eigenes Risiko und aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es nicht allzu schwer ist, selbst (oder gerade) kleinen Kindern den nötigen Respekt vor den Gefahren zu vermitteln – an dieser Stelle würde ein gemeinsamer, vorsichtiger Blick über die Hangkante bereits genügen.
Hinter dem Rutschenfelsen verlässt der Weg die Hangkante und erreicht als nächsten Höhepunkt die Fohlenfarm des Gestüts Marbach. Zur Zeit meiner Wanderung war hier leider kein Betrieb, der alte Gestütshof, den man direkt überquert, ist aber dennoch sehenswert. Dann geht es wieder abwärts bis zur Kartause Güterstein und zum Gütersteiner Wasserfall. Dieser kann in Sachen freie Fallhöhe zwar nicht mit dem Uracher mithalten, plätschert aber über unglaublich bizarre, moosige Stufen aus Sinterkalk und sammelt sich auf mittlerer Höhe in einem wildromantischen Becken. Anschließend geht es noch durch die Streuobstwiesen des Maisentals zurück zum Ausgangspunkt der Wanderung. Fazit: Der Bad Uracher Wasserfallsteig verdient eine Eins mit drei Sternchen. Seine Widersacher im Wettkampf um den Titel „Deutschlands schönster Wanderweg 2016“ werden es schwer haben.

Blick von der Olgahöhe am Albtrauf auf Streuobstwiesen, Premiumwanderweg Dreifürstensteig

Blick von der Olgahöhe auf alte Streuobstwiesen

Solch ein Start in die Wanderwoche sollte sich eigentlich schwer toppen lassen, dachte ich. Das passierte auch nicht, doch der „Dreifürstensteig“ bei Mössingen wandelt durchaus auf ähnlich hohem Niveau. Immerhin handelt es sich dabei um den zweiten Sieger bei der Kür zu „Deutschlands schönstem Wanderweg 2014“, wie schon zu Beginn der Rundtour auf einer großen Infotafel am Wanderparkplatz zu lesen ist. Olgahöhe heißt mein Startpunkt und nach einem beschaulichen Abstieg durch wunderschöne alte Streuobstwiesen geht es sportlich-steil aufwärts zum Dreifürstenstein. An diesem Aussichtsfelsen trafen früher die fürstlichen Territorien von Hohenzollern, Württemberg und Fürstenberg aufeinander und in Blickweite, aber leider etwas im Dunst, liegt auch schon mein nächstes Reiseziel, die Hohenzollernburg (siehe unten). Jetzt geht es aber erst mal zum gigantischen Bergrutsch des Hirschkopfs weiter. An dieser Stelle brachen am 12. April 1983 auf einen Schlag 50 Hektar Fläche vom Rand der Schwäbischen Alb ab und stürzten in lautem Getöse zu Tal. Heute, 33 Jahre später, stellt sich das Ganze noch größtenteils als offene, felsige Hangkante dar. Weiter unten aber, auf den Geröllhalden und Schutterflächen, bildet sich längst ohne menschlichen Einfluss eine artenreiche Flora und Fauna aus, die gerne von Biologen zu Forschungszwecken erkundet wird.
Die Wanderung führt an einer Flanke des Bergrutsches abwärts ins grüne Wiesental des Holderbachs, um gleich wieder über den Buchlesrain zur Aussicht Talheim unterhalb der Ruine Andleck aufzusteigen. Bis zum Parkplatz Linden leitet der Weg nun überwiegend durch schattigen Wald, danach nochmals durch herrliche, aussichtsreiche Obstwiesen zurück zur Olgahöhe.

Blick vom Zeller Horn auf die Burg Hohenzollern, Premiumwanderweg Traufgang Zollernburg-Panorama

Bis heute in Privatbesitz des gleichnamigen Adeslhauses: Burg Hohenzollern

Die dritte Tour namens „Traufgang Zollernburg-Panorama“  bei Albstadt-Onstmettingen habe ich zugegebenermaßen ziemlich abgekürzt, da ich mich zunächst auf die namensgebende Sehenswürdigkeit, die Burg Hohenzollern, gestürzt habe. Es handelt sich dabei um die Stammburg des ehemals mächtigsten deutschen Adelsgeschlechts, dem auch die drei deutschen Kaiser entstammen. Ihr repräsentatives Anwesen auf dem 855 Meter hohen Bergkegel zeugt von verschwenderischem Geltungsdrang – und ist eine ausgiebige Besichtung allemal wert.
Nach der Besichtigung blieb mir für die mit 86 Punkten sehr hoch bewertete Premiumwanderung allerdings nicht genügend Zeit, sodass ich mich für eine kleinere Schlaufe vom Zollersteighof über das Zeller Horn und den Raichbergturm zurück zum Ausgangspunkt entschieden habe. Gelohnt hat es sich allemal, schon allein wegen des prächtigen Ausblicks vom Zeller Horn über Wiesen- und Waldflächen hinweg zur Hohenzollernburg. Die anschließende Passage, erneut entlang des Albtraufs bis zum Hangenden Stein am Raichberg, ist wieder mal grandios: mächtige, windzerzauste Bäume und eine abrupt abfallende Hochfläche, die in einem längeren Abschnitt sogar wie eine schräg angeschnittene Torte auseinanderklafft und dort abzurutschen droht. Vom Raichbergturm bietet sich erneut ein Blick auf die Burg Hohenzollern, diesmal aber bereits aus weiterer Entfernung.

Sollte ich nun einen Verlgeich zwischen diesen drei Premiumwanderwegen ziehen und eine Rangfolge aufstellen müssen, dann würde mir dies äußerst schwer fallen. Denn alle drei Touren sind sehr abwechslungsreich, warten mit tollen Ausblicken und natürlichen wie baulichen Sehenswürdigkeiten auf und bewegen sich ganz überwiegend auf naturbelassenem Untergrund oder streckenweise auf angenehm geschotterten Wirtschaftswegen. Ihr Prädikat „Premium“ haben sie absolut verdient und ganz nebenbei Lust auf mehr gemacht. Schön, dass uns allein in Deutschland die lohnenswerten Wege nicht so schnell ausgehen werden. Wann und mit welchem Ziel schnürt ihr das nächste Mal eure Wanderstiefel?

Fotos: Patrick Hahn

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