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Fluss-Radtouren erleben seit zwei, drei Jahrzehnten einen enormen Boom – und das nicht ohne Grund: Die Routen haben einen klaren Verlauf, bieten immer wieder herrliche Ausblicke auf die Flusslandschaften und kommen meist ohne nennenswerte Steigungen aus, selbst wenn man den Tourverlauf flussaufwärts wählen sollte. Hinzu kommt, dass die Radler-Infrastruktur entlang der wichtigsten europäischen Flüsse mit oft abseits der Hauptverkehrsstraßen gelegenen, gut ausgeschilderten Radwegen, radlerfreundlichen Unterkünften und Servicestationen immer besser ausgebaut wurde.
Ich habe mich an einem wunderschönen Juli-Wochenende für zwei „Light“-Versionen entlang von Rhein und Nahe entschieden. „Light“, weil das Gepäck lediglich aus Picknick-Utensilien, Wasserflasche und Badesachen bestand und jede Tour auf einen Tag beschränkt war. Idealer Standort für die Zwischenübernachtung: Bingen, das genau an der Mündung der Nahe in den Rhein liegt und über ein sehr gutes Nahverkehrsnetz verfügt. Denn wer eine Flussradtour unternimmt, möchte diese ja eventuell nur in eine Richtung machen und dann bequem mitsamt dem Fahrrad wieder an den Ausgangspunkt zurückkommen. An Nahe und Rhein ist dies denkbar einfach, da beide Flüsse von Regionalbahnlinien begleitet werden, die in recht kurzen Abständen Einstiegsmöglichkeiten für die Rückfahrt anbieten.

Radfahrer am Rhein, Bingen, Welterbe Kulturlandschaft Oberes Mittelrheintal

Per Radl unterwegs: der Autor dieser Zeilen am Rheinufer in Bingen, direkt an der Mündung der Nahe

Nahe in Bad Kreuznach, Blick vom Kurpark auf Kaiser-Wilhelm-Straße, Foto: Patrick Hahn

Blick vom Bad Kreuznacher Kurpark auf die Nahe flussaufwärts

Die erste von zwei Touren galt dem kleineren Nebenfluss, der Nahe, die für mich zu diesem Zeitpunkt ein unbeschriebenes Blatt war. Ich wusste wohl, dass es sich um ein Weinbaugebiet in Rheinland-Pfalz handelt, von der Landschaft und den Orten am Fluss hatte ich jedoch keine Vorstellung. Umso größer die Überraschung auf dem Naheradweg flussaufwärts von Bingen nach Bad Münster am Stein-Ebernburg: Auf der nur etwa 25 Kilometer langen Strecke passiert man einige landschaftliche, kulturhistorische und architektonische Highlights, die ich so nicht erwartet hätte. Startpunkt war an der markanten Mündung der Nahe in den Rhein direkt am Binger Rheinknie, der mächtigen Flussbiegung mit dem hübschen weißen Mäuseturm. Nach dem Verlassen des Binger Stadtgebiets stellte sich die erste Ernüchterung ein: Einige Kilometer lang entfernt sich der Radweg von der Nahe, vom Gewässer nichts zu sehen. Entschädigt wird man dafür mit dem Blick über die Nahewiesen bei Laubenheim und mit der Überquerung des lauschigen Wiesbachs zwischen Grolsheim und Gensingen. Dann wieder ein wenig Durststrecke auf einem Radweg direkt an der B48 entlang, bis man Bad Kreuznach erreicht und die mondäne Kurstadt von ihrer schönsten Seite sieht: natürlich vom Fluss aus! Eine besondere Sehenswürdigkeit ist hier die „Alte Nahebrücke“, eine von drei in Deutschland noch erhaltenen historischen Brücken, die mit Häusern bebaut sind, quasi eine kleine Ausgabe der Ponte Vecchio in Florenz. Kurz darauf gelangt man zum Kurpark, der auf einer Insel zwischen Nahe und Mühlenteich liegt und herrliche Ausblicke auf die umliegende Stadt- und Flusslandschaft bietet.
Der wirkliche Höhepunkt meiner kurzen Tagestour sollte aber noch folgen: die malerisch gelegene Ebernburg sowie die beeindruckenden Steilfelsen namens Rheingrafenstein und Rotenfels bei Bad Münster am Stein-Ebernburg, die sich im richtigen Blickwinkel zauberhaft im Wasser der Nahe spiegeln.

Gradierwerk, Bad Kreuznach, Foto: Patrick Hahn

Eines von mehreren Gradierwerken in Bad Kreuznach

Eine weitere Besonderheit teilen sich die beiden, nahe beieinander liegenden Kurstädte Bad Kreuznach und Bad Münster am Stein-Ebernburg: das sogenannte Salinental, in dem gleich mehrere mächtige Gradierwerke zusammen das größte Freiluft-Inhalatorium Europas bilden, einige davon sind jederzeit frei zugänglich. Über neun Meter hohe Holzkonstruktionen, die mit Schwarzdorn-Reisig verfüllt sind, tröpfelt hier stark salzhaltige Sole und reichert so die Umgebungsluft mit wohltuenden Salzaerosolen an – Pollenallergiker und Asthmatiker wissen es besonders zu schätzen.

Assmannshausen, Ruedesheim am Rhein, Welterbe Kulturlandschaft Oberes Mittelrheintal, Foto: Patrick Hahn

Vorne: eine überflutete Rheininsel. Hinten: Assmannshausen, ein hübsch gelegener Stadtteil von Rüdesheim am Rhein

Für die zweite Tour am folgenden Tag auf dem Rheinradweg gab es kein konkretes Ziel. Klar war nur: Diesmal geht es von Bingen aus flussabwärts in die UNESCO Welterbe Kulturlandschaft „Oberes Mittelrheintal“, und zwar soweit die Beine radeln wollen. Die Wahl viel auf die linke, westliche Rheinseite, da diese besser mit einem durchgehenden Radweg ausgebaut ist. Gegenüber gibt es zwischen Rüdesheim und Koblenz zur Zeit wohl noch einige Lücken, sodass man sich als Radler die Straße mit einem regen Auto- und Motorradverkehr teilen muss – weniger erstrebenswert! Gelohnt hat sich die Entscheidung für die linke Rheinseite allemal, da der Streckenverlauf immer wieder wechselnde Ausblicke auf die herrliche Kulturlandschaft mit bewaldeten Höhenzügen, Steilfelsen, Rebhängen und jeder Menge Burgen bietet. Malerisch schmiegen sich auf der gegenüberliegenden Flussseite Ortschaften wie Assmannshausen, Lorch oder Kaub ans Ufer und teilweise in die anschließenden Kerbtäler hinein.
Nun war dieser Julitag am Rhein aber so herrlich sonnig und warm, dass die Gedanken immer wieder runter vom Rad und hin zu einem erfrischenden Sprung ins kühle Wasser wollten. Das Badezeug befand sich vorsorglicherweise in den Fahrradtaschen, obwohl ich nicht wusste, ob ein Bad im Rhein an diesem Flussabaschnitt überhaupt möglich ist – da sind zum einen die Strömung und zum anderen die vielen Ausflugsschiffe und Lastenkähne, die dieses Vorhaben auf den ersten Blick eher gewagt erscheinen lassen. Zu meiner großen Überrasschung gibt es aber gerade auf der linken Flussseite des Mittelrheins immer wieder seichte, nahezu unbewegte Stellen, in denen es sich gefahrlos schwimmen lässt – was an einem solchen Tag auch von zahlreichen Ausflüglern genutzt wurde. Irgenwo zwischen Rheindiebach und Bacharach konnte ich nicht mehr widerstehen und habe eine ausgiebige Badepause eingelegt. Wer es noch nicht ausprobiert hat, dem sei es hiermit empfohlen: Das Wasser ist recht sauber, im Hochsommer angehehm temperiert und der Blick auf die wunderschönen Flusslandschaft kaum zu überbieten!

Loreley, Schieferfelsen am Rhein, St. Goarshausen, Welterbe Kulturlandschaft Oberes Mittelrheintal, Foto: Patrick Hahn

Unvermeidlicher Blickfang: die Loreley, ein Schieferfelsen bei St. Goarshausen

Klar ist natürlich, dass die eintägige Rheinradtour durch die lange Badepause mit Picknick eher eine Kurzstrecke geblieben ist. Doch das war mir im Grunde egal, hier ist ja schließlich der Weg das Ziel und die anderen Abschnitte lassen sich recht unkompliziert auch mal bei einer anderen Gelegenheit nachholen. Ein Highlight musste aber schon noch sein: die Loreley. Den mächtigen, sagenumwobenen Schieferfelsen auf der rechten Rheinseite zwischen Kaub und St. Goarshausen muss man sich nicht unbedingt mit hunderten Touristen teilen, sein Anblick ist ohnehin von der anderen Flussseite aus am schönsten. Passiert man dort die Loreley, dann folgt als nächster Ort St. Goar, für mich diesmal der Endpunkt der Radtour. Zurück ging es nach Bingen mit der Regionalbahn und dem festen Entschluss, dass dies nicht die letzte Flussradtour für dieses Jahr gewesen ist.

Im Folgenden noch ein paar Impressionen von beiden Flussradtouren in Bildergalerien:

Fahrradtour an der Nahe:

Fahrradtour im Oberen Mittelrheintal

Fotos: Patrick Hahn (28), Kerstin Güttler (1)


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