Besucht uns auch auf…

Während ich daheim meinen Rucksack packe, fragt mich meine achtjährige Tochter, wohin ich gehen wolle. Auf eine Wanderung um den Bodensee, antworte ich. Bis wann? Morgen Mittag. Wo schläfst du? Gar nicht, wir wandern vierundzwanzig Stunden am Stück. Sie überlegt einen Moment, schüttelt den Kopf: Und warum machst du das? Gute Frage, denke ich, auf die mir zunächst nichts einfällt. „Hoffentlich kann ich dir das sagen, wenn ich zurück bin“, sage ich und mache mich auf den Weg.

Start bei herrlichem Sonnenschein in Konstanz

Start bei herrlichem Sonnenschein in Konstanz

In Konstanz, wo die Tour beginnt, bin ich nicht allein. Am Fähranleger warten Amelie, Britta und Philipp. Doch zwei Wanderkameraden fehlen: „Der eine ist gestern umgeknickt, der andere hat einen Wasserrohrbruch“, erklärt Amelie. Vielleicht hätte ich daheim auch am Wasserrohr schrauben sollen, denke ich, dann wäre ich um den Ausflug herumgekommen. Doch nun bin ich hier und blicke Philipp an, der ebenfalls nicht wirklich wandertauglich aussieht. Ihn plage ein entzündeter Zahn, er sei nur gekommen, um uns zu verabschieden. Immerhin. Dann macht er sich auf den Weg zum Zahnarzt. So bleibt vom angekündigten halben Dutzend nur ein Trio übrig, bevor wir auch nur den ersten Meter gelaufen sind.

Wie kommt man dazu, 24 Stunden am Stück zu wandern? Jörg, der am Vorabend Umgeknickte, veranstaltet Abenteuer wie dieses berufsmäßig. Im Schwarzwald, wo er damit begonnen hat, laufen sie im wahrsten Sinne des Wortes großartig. Nun will er gewissermaßen schlaflos auch den Bodensee erwandern, die Truppe heute bildet die Vorhut: Um die Route auszukundschaften, Entfernungen abzuschätzen und in den Einkehrstationen vorzukosten. Bei der offiziellen 24-Stunden-Wanderung im Juni – sie ist mit mehr als 40 Anmeldungen bereits komplett ausgebucht – fungieren Amelie, Britta und das Lazarett dann als Guides. Ich bin dabei, weil ich vor Jahren bei der allerersten Vortour im Schwarzwald ebenfalls dabei war. Bessere Gründe fallen mir für meine Anwesenheit nicht ein.

Wir starten am 30. April bei herrlichem Sonnenschein, sanft schwappt der See ans Ufer, in der Ferne erheben sich imposant die Alpen, auf den Bergen liegt noch Schnee. Wir reden über die Schuhe, bequem sollten sie natürlich sein, ja, aber auch wasserdicht, wir haben den Wetterbericht gelesen.

Nach einer halben Stunde verlassen wir das Konstanzer Ufer und biegen auf den „Seegang“ ab, so heißt der Premiumwanderweg rund um den nordwestlichen Arm des Bodensees, den sogenannten Überlinger See. Bis Überlingen, dort endet der „Seegang“, haben wir 50 Kilometer vor uns. Anschließend soll es eine bislang undefinierte Strecke weiter bis Meersburg gehen, wo uns die Fähre irgendwann morgen zurück nach Konstanz bringen wird. So lautet der Plan.

Wegmarkierung entlang des "Seegangs" um den Überlinger See

Wegmarkierung entlang des „Seegangs“ um den Überlinger See

Für Amelie und Britta ist es ein Heimspiel, beide leben in Konstanz und kennen sich aus: „Am Ufer ist es natürlich häufig voll, aber sobald man zehn Meter vom See weggeht, trifft man fast niemand mehr“, erklärt Amelie die begegnungsarmen ersten Kilometer. Auch Britta hat, als wir nach zweieinhalb Stunden die Blumeninsel passieren, einen wertvollen Tipp: „So richtig schön ist es auf der Mainau so ab halb sechs, wenn die ganzen Busse weg sind.“ Mir fehlt aktuell der Sinn für Blumen und Busse, meine Augen wandern nervös zwischen Wetter-App und Wolkenbewegungen hin und her. Irgendwann wird es regnen, soviel ist sicher, bleibt nur die Frage: wann.

Blick auf die Blumeninsel Mainau

Blick auf die Blumeninsel Mainau

Nach viereinhalb Stunden, wir haben das Hügelchen Purren soeben überwunden und einen eindrucksvollen Blick über den See und auf den Säntis in der Ferne erhascht, weist mich Amelie auf eine Lampe hin, die im Hafen von Überlingen am gegenüberliegenden Seeufer blinkt: „Eine Warnung für die Schiffe auf dem Wasser, sie sollen aufmerksam sein.“ Das Unwetter ist uns auf den Fersen. So nehme ich die wirklich wunderschöne Landschaft um mich herum – Meere von Obstbäumen stehen in voller Blüte! – nur noch am Rande wahr.

Prächtig blühen die Obstbäume am Ufer

Prächtig blühen die Obstbäume am Ufer

Als wir in den Wald eintauchen, schlägt die Naturgewalt zu. Der Sturm rupft mächtig an den Baumwipfeln, die krachend aneinanderschlagen und ihre Äste abschütteln. Ein stattliches Exemplar geht mitten auf dem Pfad zwischen Amelie und Britta nieder, um ein Haar ist die Wanderung hier zu Ende. Doch in jede Richtung – vor oder zurück? – ist die Entfernung raus aus dem Wald gleich groß. Wir beschleunigen und rennen nun voll in den feuchten Teil des Gewitters. Trotz der rasch angezogenen Regenjacken und –hosen dringt das Wasser bald durch sämtliche Bekleidungsschichten, nach zwanzig Minuten habe ich nasse Füße. Rettung bringt jetzt nur noch die Hütte, das für den Abend eingeplante Gasthaus. Vier Kilometer bis dorthin, meint Amelie, die immer wieder ihr GPS-Gerät aus der Tasche zieht und die Lage peilt.

Die folgende Stunde im Regen stelle ich mir immer wieder nur zwei Fragen: Wie fühlen sich wohl die nächsten 18 Stunden in der Sumpflandschaft an, in die sich das Fußbett meiner Schuhe soeben verwandelt hat? Und wird es in der Hütte ein Schnitzel geben?

Kurz vor "Hof Höfen": Ankunft in der Dämmerung

Kurz vor „Hof Höfen“: Ankunft in der Dämmerung

Es gibt eins, zum Glück. In der Dämmerung erreichen wir den „Hof Höfen“ hinter dem Örtchen Langenrain, ziehen alles aus, was man in einem Wirtshaus ausziehen darf, hängen es zum Trocknen auf und beugen uns über die großen Teller: Schnitzel, Pommes, Salat, Kaiserschmarrn – und zum Nachtisch einen Birnenschnaps. Hausherr Hansi Rommel weist uns schließlich den rechten Weg in die Nacht, die Klamotten sind noch klamm.

Es ist nun dunkel im Wald, immerhin regnet es nicht mehr. Meine Regenhose habe ich zum Trocknen an meinen Rucksack gehängt, im Schein der Stirnlampen der Mädchen hinter mir werfe ich den Schatten eines riesenhaften Frackträgers.

Orientierung mit Karte und Stirnlampe in der Nacht

Orientierung mit Karte und Stirnlampe in der Nacht

Fortan fühle ich mich im Wald wie ein Metronom, gleichmäßige Schritte, Kilometer um Kilometer, ein monotoner Takt, das Hirn entschwindet zwischen den schwarzen Vorhängen links und rechts des Weges. Irgendwann stapfen wir am Zaun eines großes Geheges entlang durch das nasse Gras. „Bisons!“, flüstert Amelie. Und tatsächlich eskortieren uns jenseits des Drahtes bald mächtige, schnaufende Schatten. Welche Gestalten den Tieren wohl erschienen sind, drei Geister mit blau leuchtenden Lampen auf der Stirn?

Der 1. Mai beginnt auf der Ruine Altbodman, in der Ferne schlägt eine Kirchturmglocke zwölfmal, das steinerne Gerippe der Burg bildet eine schaurige Kulisse für die Walpurgisnacht in meinem Kopf: Wir haben noch nicht mal den halben Weg geschafft.

Die "Seegang"-Karte im Licht einer Stirnlampe

Die „Seegang“-Karte im Licht einer Stirnlampe

Was nun folgt, so erscheint es mir, klappt nur noch mit Entkopplung: hier das müde Hirn, dort die wandernden Füße. Mittlerweile machen sich die ersten Muskelpartien dazwischen schmerzhaft bemerkbar, mir war nicht bewusst, dass Gehen so wehtun kann. Und während ich mein inneres Metronom – der stoisch-mechanische Modus – wieder aufziehe, erzählen sich Britta und Amelie entspannt von den Hochzeiten, die sie im letzten Jahr besucht, von den Kindern, die ihre gemeinsamen Bekannten gerade bekommen haben und vom Segeln auf dem See.

Verflucht, ich kann doch nicht vor den Mädchen in die Knie gehen!

Um eins in der Nacht kehrt der Regen zurück. Zuvor haben wir noch eine kleine Pause auf dem See gemacht, auf einem Holzpodest mitten im Naturschutzgebiet Bodman-Ludwigshafen, ringsum das Zwitschern einzelner Vögel und das stille schwarze Wasser. Amelie hat heißen Tee, den sie in ihrer Kanne aufgespart hatte, serviert und Hefezopf. Ein kleines Festmahl zur Halbzeit.

Die Stunden am Nordufer vergehen nun ungezählt, wir legen Kilometer um Kilometer zurück, die Kapuzen hängen tief ins Gesicht, das Licht vereinzelter Straßenlaternen lässt die tropfnassen Klamotten schimmern, während es unaufhörlich regnet.

Irgendwann weist Amelie nach links, den Hang hinauf. Es folgt der Aufstieg zum „Höhengasthaus Haldenhof“, den sie für die Haupttour als Frühstückseinkehr auserkoren hat. Und ich stelle fest: Hunderte Höhenmeter im Regen, über steile, matschige Trampelpfade machen morgens um halb vier keinen Spaß! Oben angekommen bin ich fix und fertig. Wir lassen uns auf die Stühle auf der nächtlich verlassenen Terrasse fallen, pausieren ein paar Minuten, bis die Kälte durch die Jacken dringt, und marschieren weiter.

„Jetzt ist es hart“, sagt Britta später, irgendwo auf einem Feldweg hoch oben über dem Wasser.

„Dort drüben stehen zwei schöne Bänke mit tollem Blick über den See“, meint Amelie – sie weiß das mehr, sie sieht es nicht.

„Aber es regnet, ist dunkel und die Bänke sind nass“, knurrt Britta und setzt die Reise fort.

Nass ist es auch noch, als der neue Tag ein wenig Licht schickt, so richtig hell wird es unter der dicken Wolkenschicht über uns aber nicht. Der Morgengruß – „Hallo 1. Mai!“ – pendelt zwischen Trotz und Ignoranz, die Füße schwimmen im Schuh. Letztlich erreichen wir doch noch Überlingen, schlendern durch den ausgesprochen schönen Stadtgarten und klatschen ab: Den kompletten „Seegang“ haben wir nun in einem Rutsch abgelaufen. Bis Meersburg, so verrät es ein Wegweiser, erwarten uns weitere 14 Kilometer. Doch erstmal gibt’s heißen Milchkaffee und Butterbrezeln in einer Bäckerei – die Rückkehr der Zombies in die Zivilisation, wir haben’s geschafft!

Das erste Licht des neuen Tages

Das erste Licht des neuen Tages

Denn alles, was nun folgt, geht. Man macht es, stumpf, taub und nass, doch die Nacht liegt hinter uns, der Drops ist gelutscht. Also humpeln wir pflichtschuldig drei weitere Stunden am Ufer entlang, knipsen die barocke Basilika Birnau im Vorbeigehen, ebenso die weltberühmten Pfahlbauten in Unteruhldingen, so gegen zehn hört auch der Regen auf, wir werden fast euphorisch. Und „stürmen“ glücklich um elf in Meersburg auf die Fähre. Wo Amelie ihr GPS auspackt und uns feierlich verkündet: 66 Kilometer in letztlich 21 Stunden!

Das regenerprobte Wandertrio (v.l.): Britta, Amelie und ich

Das regenerprobte Wandertrio (v.l.): Britta, Amelie und ich

In den Tagen danach plagen mich diverse Muskelkater, aber überraschenderweise keine Müdigkeit. Die Nacht fehlt mir nicht. Im Gegenteil, ich fühle mich seltsam frisch und fit. Man schlägt seinen inneren Schweinehund schließlich nicht alle Tage derart vernichtend, die Euphorie hält an. Und natürlich habe ich versucht, das meiner Tochter genau so zu erklären. Sie hat mich angelächelt und mir meine Freude gelassen. Doch ich fürchte, sie zweifelt noch immer an meiner Zurechnungsfähigkeit.

Weitere Infos unter: www.original-bodensee.de, www.hof-hoefen.com, www.gasthaus-haldenhof.de

Die barocke Basilika Birnau

Die barocke Basilika Birnau

 

Die Pfahlbauten in Unteruhldingen

Die Pfahlbauten in Unteruhldingen

 

Ankunft auf der Fähre in Meersburg

Ankunft auf der Fähre in Meersburg


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Ein Kommentar zu “Schlaflos in den Mai

  1. Ich bin den Seegang ebenfalls schon zweimal gegangen und finde es sehr schade, dass dieser nur zwischen Konstanz und Überlingen ausgeschildert ist.

    Gerade zwischen Überlingen und Meersburg gibt es noch einige sehr schöne Ecken (Basilika Birnau, Pfahlbauten Unteruhldingen, Seefelden und natürlich Meersburg).

    Und mit der Rückkehr per Schiff wäre der Seegang auch noch eine runde Sache.

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