Besucht uns auch auf…

Mit dem Winter ist das diesmal wieder so eine Sache. Im November hat er sich ganz kurz angedeutet und zumindest in den Alpen und den Höhenlagen einiger Mittelgebirge für eine dünne Schneedecke gesorgt. Im überaus warmen Dezember ist diese freilich wieder größtenteils zusammengeschmolzen. Über den gesamten Monat hinweg betrachtet, wurden an etlichen deutschen Orten neue Klima-Rekorde aufgestellt: In Stuttgart beispielsweise lag die Dezember-Durchschnittstemperatur mit 7,3 °C sage und schreibe 5,8 °C über dem langjährigen Mittel, im niederrheinischen Geilenkirchen betrug die Abweichung sogar 6,7 °C
(9,8 Grad statt 3,1). Nein, winterlich hat sich die Weihnachtszeit wahrlich nicht angefühlt, stattdessen öffneten sich schon vielerorts die Blütenknospen typischer Frühlingsblüher.

Blick auf das schneebedeckte Vilnius im Winter, vorne der rekonstruierte Palast des Großfürsten

Über den schneebedeckten Dächern des großfürstlichen Palasts im Zentrum von Vilnius

 

Der Fluss Neris im Stadtgebiet von Vilnius, auf dem Wasser Eisschollen, hinten der Burgberg mit dem Gediminas-Turm

Auf der Neris treiben Eisschollen, ihre Ufer und der Burgberg von Vilnius im Hintergrund sind von Neuschnee bedeckt

Bei der Bestimmung meines Reiseziels zum Jahreswechsel, welche schon Monate zuvor im Sommer stattgefunden hat, konnte ich von diesen Wetterkapriolen noch nichts ahnen. In einem kleinen Freundeskreis fiel die Wahl auf Vilnius, Litauens Hauptstadt. Nun befindet sich dieser baltische Staat aus unserer deutschen Perspektive zwar schon ziemlich weit im Osten Europas, wegen seiner Lage an der Ostsee hätte ich dort jedoch nicht unbedingt die geballte kontinentale Winterkälte Russlands erwartet. Eine gute Woche vor Silvester deuteten die Prognosen auch noch auf vergleichsweise milde Temperaturen um +5 °C hin. Doch diese hatten noch nicht das Hoch „Christine“ auf der Rechnung, das sich rechtzeitig kurz vor Jahresende aus den Weiten Sibiriens über Nordwest-Russland hinweg in Richtung Baltikum ausdehnte und in den vergangenen Tagen auch den Nordosten Deutschlands erreicht hat. In Vilnius sanken die Temperaturen in der Silvesternacht auf etwa -17 °C und auch an den folgenden Tagen behielt Väterchen Frost das gesamte Land fest im Griff. Zum Glück haben wir bereits vor der Hinreise vom bevorstehenden Kälteeinbruch erfahren und uns entsprechend mit allen verfügbaren Winterklamotten ausgerüstet. So ließen sich die Tage in Litauen aushalten, einem liebenswerten Land mit sehenswerter Hauptstadt und gastfreundlichen Menschen.

 

Schilfgürtel am zugefrorenen Luka-See bei Trakai, Litauen

Schilfgürtel am zugefrorenen Luka-See bei Trakai, Litauen

Bei drei Tagen Reisezeit durfte natürlich auch ein Ausflug aufs Land nicht fehlen. Mit dem Nahverkehrszug ging es in einer guten halben Stunde vom Hauptbahnhof Vilnius nach Trakai, wo eine trutzige Wasserburg inmitten einer bezaubernden Seenlandschaft mit vielen Buchten, Inseln und kleinen, bewaldeten Höhenzügen steht. Die kurze Winterwanderung vom Bahnhof Trakai entlang des Seeufers in Richtung Burg ist trotz der klirrenden Kälte ein Genuss: Wie ein goldgelber Saum umgibt das trockene Schilf die von feinem Puderschnee überdeckte Eisfläche und der Himmel zeigt sein schönstes Blau. Zwischen den Kiefern und Birken an Land schauen immer wieder schöne Holzhäuser hervor, während bunte Ruderboote umgedreht am Ufer liegen – so, als ob sie nur kurz auf die nächste frostfreie Zeit warten müssten. Zunächst sind wir noch skeptisch, ob wir uns aufs Eis wagen sollen. Doch je näher wir der Hauptsehenswürdigkeit kommen, desto mehr Einheimische entdecken wir in völliger Sorglosigkeit auf dem vermutlich erst seit wenigen Tagen zugefrorenen See: Schlittschuhläufer, Eishockeyspieler, Eltern mit Kleinkindern auf Schlitten und ganze Ausflugsgruppen geben sich dem winterlichen Vergnügen hin. Selbst ein einzelner Ski-Langläufer nutzt die dünne Schneedecke auf dem Eis, um seine ausgedehnten Runden zu ziehen. Nach der Umgehung einer Landzunge bietet sich endlich ein freier Blick auf die rote Backstein-Burg, sodass es auch für uns kein Halten mehr gibt: Auf direktestem Weg gehen wir über die Eisfläche auf die geschichtsträchtige Festung zu, in der einst im Mittelalter die litauischen Großfürsten residierten.

Wasserburg Trakai im Galvé-See, Historischer Nationalpark Trakai, Litauen

Quer über die Eisfläche – der kürzeste Weg zur historischen Festung Trakai

Vergessen werde ich diesen kurzen Winterausflug nicht so schnell – zum einen, weil er gemeinsam mit Freunden in einem mir noch wenig bekannten Land in herrlicher Kulisse stattfand, zum anderen aber auch, weil wir endlich mal wieder „echtes“ Winterwetter erleben durften. Der Kontrast bei der Rückreise hätte nicht größer sein können: Angekommen am Frankfurter Flughafen empfingen uns wieder milde Plusgrade, von Schnee oder Eis weit und breit keine Spur. Doch wir befinden uns ja erst am Anfang des Januars und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Als gelegentlicher Ski-Langläufer würde ich natürlich gerne noch die eine oder andere Runde im Schwarzwald drehen. Und spätestens Anfang Februar, wenn ich für eine Woche das klassische Winterurlaubsziel Oberallgäu für ausgedehnte Schneewanderungen aufsuche, rechne ich ganz fest mit einer weißen Bilderbuch-Landschaft. Oder erwarte ich da von diesem Winter etwa schon zu viel?

Fotos: Patrick Hahn


Patrick Hahn


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